Berlin Grooves
Das Publikum war ordentlich gemischt: Weiße und Schwarze, Junge und Alte, Deutsche und Afrikaner. Den 60jährigen Familienvater, der das gesamte Konzert per Handycam aufgenommen hat, gab´s genau wie die 21jährige mit Rastazöpfen und Lederjacke, die das komplette Konzert durchgetanzt hat.
Für deutsche Verhältnisse hat das Konzert fast pünktlich angefangen. Nur 30 Minuten später als auf den Tickets stand. Zuerst haben 2raumwohnung gespielt. Ihre 5 Bandkollegen wirkten auf mich so emotionsgeladen wie eine Packung Knäckebrot. Aber zum Glück war da noch Sängerin Inga Humpe, die alles rausgerissen hat.
Am Anfang sassen die meisten Leute noch in ihren Kuschelsitzen und man hat deutlich gemerkt, dass vor allem die Südafrika sich erstmal mit dem ungewohnten Elektrosound anfreunden mussten. Wir Deutschen haben da aber wie im idealen Fußballmatch die Führung übernommen und sind nach vorn zu Bühne gestürmt. Zwischen Bühne und erster Zuschauerreihe gab es sowas wie einen ebenerdigen Notfallgraben und der wurde spontan zur Tanzzone umfunktioniert. Im Laufe des Abends übrigens immer mehr zur Engtanz-Zone... Momentan ist es ja sehr einfach, zu erkennen, aus welchen Ländern die Leute kommen. Vor allem die vier Jungs mit den schwarz-rot-goldenen Cowboyhüten, den weiß-schwarzen Trikots und der Deutschlandfahne um die Schultern haben´s mir leicht gemacht, sie als Landsmänner zu entlarven. Ich gebe ja zu, ich kann normalerweise mit der Musik von 2raumwohnung nicht viel anfangen. Aber an diesem Abend haben sie mich begeistert, vor allem Sängerin Inga. Ganz normal ist sie im tanzenden Publikum rumgehüpft oder hat die sexiesten Mädels auf die Bühne geholt. Die vier deutschen Cowboys waren dabei die ersten auf der Bühne....Gut eine Stunde haben sie gespielt und bei der Zugabe „36 Grad“ hab ich mich gefragt, wie Dellé das noch toppen will.
Aber Dellé hatte natürlich auch so eine Art Heimvorteil. Sein Vater kommt aus Ghana und er selbst hat mehrere Jahre dort gelebt. 12 Leute standen plötzlich auf der Bühne und von Anfang an hatte Dellé das Publikum auf seiner Seite. Vor allem die 3 Backgroundsänger waren großartig: ein kleiner Schwarzer Mann und zwei schwarzen Frauen mit sehr viel Körper in schwarzen Seiden-Minikleidern, was aber tatsächlich richtig gut aussah und noch besser Klang. Die Leute tanzten vor der Bühne, auf den Stühlen und selbst die Sitzenbleiber haben rhythmisch gezuckt. Und zwischen den Songs hat Dellé mit den Leuten geredet. Was sehr clever war, denn die meisten Einheimischen hatten vorher noch nie etwas von ihm gehört. Er hat von Ghana erzählt und von Berlin. Davon, dass er vor 5 Jahren mit Seeed schon einmal in Südafrika war, aber bereits nach einem Tag wieder abreisen mußte, weil sein Vater im Sterben lag, und es jetzt für ihn etwas ganz Besonderes ist, nochmal hier zu spielen, so als hätte ihn sein Vater geschickt. Es war die Mischung aus seiner Musik, den tollen Musikern auf der Bühne und dem unglaublich sympathischen Dellé, die diesen Abend zu etwas wirklich Besonderem gemacht hat.
Heute wird sich Dellé das Spiel Deutschland – Ghana im Stadion ansehen. Und mit einem Lächeln hat er gesagt: ich kann bei dem Spiel nur gewinnen.
Eingestellt am 28 Jun, 2010, um 14:56 Uhr von Jörg Poppendieck in unterwegs | Kommentare[0]





